das Projekt

die Kunst der Stunde ist ein digitaler, unabhängiger Raum mit dem Ziel, Kunstschaffende in einstündigen Interviews zu porträtieren ohne sich dabei auf eine Kunstform zu beschränken. Von Literatur über Musikproduktion bis hin zur bildenden Kunst – die Kunst der Stunde setzt sich dabei keine Grenzen.

Der Fokus der Interviews liegt dabei auf die Kunstschaffenden selbst – mit der Intention, die Persönlichkeit und die eigenen Zugänge zur gewählten Kunstform ins Zentrum zu stellen. Die daraus entstanden Inhalte werden hier publiziert.

Die Kunstschaffenden kennen sich und ihren eigenen Wirkungsbereich am besten. Deshalb fotografieren sie (ab Interview 07) diesen und ihre Person mit Einwegkameras selbst.

Bei die Kunst der Stunde arbeiten, organisieren, diskutieren, gestalten und schreiben im Kollektiv: Katharina AugendoplerAndrea Eiber und David Samhaber.

Die Website ist von Andrea Eiber gestaltet und von Bene Reiter umgesetzt worden.

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Dank geht raus an: alle Kunschaffenden die wir bereits interviewen durften, die Hochschüler*innenschaft der Kunstuniversität Linz, MOOI Design, Klaus und Angela Eiber, Thomas, Margot und Johanna Augendopler :–)

Verena Giesinger

Verena Giesinger

»Ich habe lange nicht verstanden, dass das, was ich mache künstlerisches Schaffen ist.«

In einem kleinen Café am Karmelitermarkt treffe ich Dirigentin, Musikerin und Chorleiterin Verena Giesinger. Aus einer Sehnsucht heraus, nach ihrem Musiktherapie- und Kulturmanagementstudium, selbst wieder mehr musikalisch tätig zu sein, hat sie den Schmusechor gegründet. Darüber hinaus hat sie auch die musikalische Leitung des femchors inne und steht selbst immer wieder als Musikerin und Performerin bei verschiedenen Projekten auf der Bühne. 

Im Interview erzählt sie, wie aus einem spontanen Singen im Schlafzimmer der Schmusechor entstand, wie Begegnungen und Kooperationen zum eigenen künstlerischen Schaffen inspirieren und wie sich das Selbstverständnis, sich selbst als Künstlerin zu bezeichnen, erst nach langer Zeit entwickelte. 

Das Interview wurde im April 2022 von Katharina Augendopler mit Verena Giesinger am Karmelitermarkt in Wien geführt.

Du hast vor einigen Jahren den Schmusechor gegründet. Wie kam es dazu?

Tatsächlich fehlte mir das Singen in der Gruppe. Mehrstimmigkeit hat mich schon immer fasziniert. Als Kind wurde ich oft dazu genötigt, in die Kirche zu gehen und ich fand die Kirche nur deshalb aushaltbar, weil ich mich mit dem Kopf immer zum Kirchenchor umgedreht habe, als dieser zu singen begann. Als ich nach einigen Jahren nach Wien kam, wollte ich unbedingt in einem Chor singen, habe aber nicht den richtigen Chor für mich gefunden. 

Und dann habe ich Freund:innen eingeladen mit mir im Schlafzimmer zu singen. Ich weiß noch, dass ich immer Angst hatte, dass niemand kommen wird. Und dann waren wir innerhalb kürzester Zeit zu viele für unsere WG.

Wie ist es dann weitergegangen?

Eines Tages sind zwei Künstler:innen zum Mitsingen aufgetaucht, die gerade ein Kollektiv mit eigenem Atelier im 6. Bezirk gegründet hatten. Schnell sind wir dann Teil von diesem Kollektiv geworden und hatten damit einen Proberaum – ab da hatten wir das Gefühl, dass es etwas Ernstes ist. Dann hat uns das Festival Perspektiven am Attersee 2015 als Vor-Act von Mira Lu Kovacs gebucht, ohne, dass wir ready für irgendwas gewesen wären. Wir hatten etwa vier Lieder im Repertoire, wenn überhaupt. Und viele von uns sind noch nie auf einer Bühne gestanden. Danach hat sich alles rasend schnell entwickelt.  Wir wurden vom Waves in Wien gebucht, hatten einen Auftritt in der Arena. Zu der Zeit gab es diesen Skandal, da zwei Frauen im legendären Wiener Café Prückel verwiesen wurden, weil sie sich geküsst hatten. Wir haben uns überlegt, dass wir uns auf jeden Fall politisch dazu positionieren müssen und haben dann unser Konzert mit einer großen gleichgeschlechtlichen Schmuserei beendet – gemeinsam mit Leuten aus dem Publikum, die wir vorher eingeweiht hatten. 

Wie politisch seid ihr als Chor?

Für uns als Chor ist es sehr wichtig, uns politisch zu positionieren und Themen aktiv anzusprechen. Wir hinterfragen immer wieder starre Genderrollen- sichtbar auch in unseren Kostümen – wir wollen etwas aufwirbeln und Stereotype über den Haufen werfen. Diese Haltung ist es auch, die uns gerade vor Kurzem die Einladung, die Eröffnung der Wiener Festwochen gemeinsam mit Yung Hurn zu performen, ablehnen ließ. Wer die Texte des Rappers kennt, weiß, dass er sich unmissverständlich sexistisch und rassistisch äußert. Wir fordern hier ganz klar: Keine Bühne für Sexismus und Rassismus. Auch wenn es für uns richtig toll gewesen wäre dort zu singen, mussten wir hier absagen.

Eure Liste an bekannten Locations, wo ihr bereits gesungen habt, ist lang. Ihr wart u.a. bei Willkommen Österreich und im Konzerthaus. Wann habt ihr realisiert: Ok wow, jetzt sind wir aber weit gekommen!

Ich habe das Gefühl, dass das echt immer wieder vorkommt. Ich frage mich manchmal, ob andere Musiker:innen ihre Auftritte mit mehr Weitsicht planen. Bei mir ist es eher so, dass ich gar nicht hinterherkomme zu realisieren, was bei uns gerade einfach alles passiert. Wir haben uns bisher für zwei Konzerte beworben, bei allen anderen ist jemand an uns herangetreten. Bei einigen Anfragen ist es so, dass ich es mir nicht mal getraut hätte zu träumen, dort als Chorleiterin und Dirigentin mit meinem Chor aufzutreten. Ich schätze dieses Privileg sehr, weil ich weiß, wie viel Zeit und Arbeit es kostet, das Booking zu machen. 

Wie seid ihr überhaupt auf den Namen »Schmusechor« gekommen?

(lacht) Die Frage durfte ich schon oft beantworten. Ich bin mit meinem damaligen Freund im Bett gelegen und wir haben überlegt, welcher Name gut zu unserem Chor passen würde. Wir sind beide zum Schluss gekommen, dass sowohl Singen wie Schmusen leidenschaftliche Tätigkeiten sind, die beide auch noch mit dem Mund gemacht werden. Deshalb fanden wir den Namen sehr passend.

Wie entscheidet ihr, welche neuen Songs ihr einstudiert?

Gerade sind wir mitten in einer Theaterproduktion, wir singen also wirklich Auftragswerke. Ich sitze mit dem Regisseur zusammen und er hat Wünsche, was wir alles singen sollen und dann schauen wir, was wirklich machbar ist (lacht). Normalerweise ist es so, dass jemand aus dem Schmusechor einen neuen Song vorschlägt – z. B. stand Sebastian Abermann plötzlich mit den arrangierten Noten für unseren Backstreet Boys Song da. Das war für uns natürlich ein Riesengeschenk. Die finale Entscheidung, ob wir das Lied letztlich in unser Repertoire aufnehmen, liegt aber bei mir. 

Verrätst du uns, was das für eine Theaterproduktion ist?

Wir arbeiten dafür wieder mit dem queeren, immersiven Theaterensemble Nesterval zusammen, mit dem wir schon mehrere Produktionen gemacht haben. Unter anderem zur Schließung des Wien Museum, wo wir bei dem Stück »Festbankett« mitgewirkt haben. Diese Performance war sehr sensual und sexual. Das war für den Chor ein Rundumerlebnis, das uns nachhaltig beschäftigt und beeinflusst hat. Jetzt machen wir mit Nesterval in einem leerstehenden Café am Prater ein Stück mit dem Titel »Sex, Drugs and Budd’n‘Brooks«. Wir werden als Singende, aber auch als Tänzer:innen zu sehen sein. Ich werde Klavier spielen und daneben schauspielern. 

Der Schmusechor ist dafür bekannt, immer wieder großartige Videos zu den Arrangements zu produzieren. Euer neuestes Video I want it that way erschien erst kürzlich. Wie sieht der Drehprozess bei euch aus?

Unser erstes Video entstand relativ spät, weil wir immer mit anderen Dingen beschäftigt waren. Erst als Willkommen Österreich auf uns zu kam und wollte, dass wir ihnen ein Video zusenden, hatten wir einen konkreten Anlass – so kam das Video zu Parole, Parole zustande. Besonders in Erinnerung ist mir ein Drehwochenende, das ich rückblickend als ‚Nahtoderlebnis‘ bezeichne. Wir hatten noch wenig Dreherfahrung und deshalb den Zeitaufwand unterschätzt. Auf dem Programm standen die Soundaufnahme und der Videodreh zu Heavenly Father, I want it that way und einem weiteren Video, welches im Juni 2022 erscheint.

Aber eigentlich liebe ich an unseren Videos wirklich alles. Zum einen, wie die Ideen in einem kollektiven Prozess entstehen – wir überlegen immer zu mehrt, was wir machen und zum Ausdruck bringen wollen. Daneben gibt es ein Kostüm-Team, das sehr kreativ ist und schnell extrem gute Ideen hat. Unsere Videodrehs sind nie lange geplant, meistens passiert alles last minute innerhalb von zwei Wochen, das ist stressig und produktiv zugleich.

Ihr habt schon mit einigen Künstler:innen zusammengearbeitet. Gibt es eine Kooperation, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist und für dich und den Chor bereichernd war?

Da gibt es viele. Unsere allererste Kooperation war mit Mira Lu Kovacs. Ich habe sie immer schon als (politische) Künstlerin beeindruckend gefunden, alle ihre Alben sofort angehört. Oft wenn ich Entscheidungen treffe, ob das jetzt zu mutig ist, denke ich daran, was die Mira schon alles gemacht hat- das gibt Mut. 

Ansonsten fällt mir noch spontan der gemeinsame Auftritt mit Lylit im Rahmen des Oehl-Album Release ein. Wir haben zusammen den Song »Bisher« gesungen, hatten aber keine einzige Probe davor und konnten den Song nurmehr kurz vorher ansingen. Ich kann mich noch erinnern, dass ich einfach so richtig beeindruckt war, neben dieser kraftvollen Sängerin zu stehen und plötzlich vibrieren unsere Stimmen mit ihr und wir haben zusammen Musik gemacht. 

Wart ihr immer schon so gut?

Ach nein. Am Anfang haben wir uns einfach nur so zum Singen und Trinken getroffen – das macht sich dann auch hinsichtlich der Klangqualität bemerkbar (lacht). Für unseren ersten Song haben wir ein Jahr gebraucht. Die musikalische Qualität und der Anspruch an uns, ist mit den Jahren gewachsen. Was mich allerdings besonders freut ist, dass wir oft rückgemeldet bekommen, dass bei unseren Konzerten oft der Funke vom Chor zum Publikum überspringt und viele Lust haben, direkt mitzumachen. Mir ist es erst im Laufe der Zeit bewusst geworden, dass zwischen Publikum und Performenden auf der Bühne oft eine große Distanz herrscht. Zum einen natürlich, weil die Bühne räumlich erhöht ist, zum anderen aber, weil viele in den Performer:innen auf der Bühne Masterminds zum Anhimmeln sehen. Bei uns verschwimmt die Trennung zwischen Publikum und Chor und das regt sicher auch zum Singen an.

Neben dem Schmusechor arbeitest du auch noch an einigen anderen Projekten, du bist z.B. auch die musikalische Leitung des femchor- mehrstimmig gegen das Patriachat. In welche weiteren Projekte bist du involviert?

Vor kurzem habe ich als Sängerin mit dem Multimedia-Künstler Stefani D’Alessio im Rahmen des Supergau Festivals zusammengearbeitet. Weiters habe ich auch bei einigen Tanzperformances mitgemacht, z.B. einer Performance von Doris Uhlich. Das größte momentan anstehende Projekt ist meine erste Theaterproduktion mit Sara Ostertag. Gemeinsam mit dem Musiker und Komponisten Paul Plut werde ich die musikalische Gestaltung des Theaterstücks übernehmen. Ich werde arrangieren, dirigieren, mit dem Schauspielensemble die Stücke einstudieren und daneben selbst auf der Bühne stehen und singen. Das Stück heißt »Die Milchfrau«, die Themen kreisen um Kriegszeit, Eiszeit und Hungernot. Ein brandaktuelles Thema. Die Premiere ist im Dezember im Kosmos Theater Wien.

Was inspiriert dich künstlerisch? 

In den letzten beiden Pandemiejahren, habe ich gemerkt, wir sehr ich als Musikerin auf Austausch angewiesen bin. Mir wurde bewusst, dass ich oft ganz spontan durch verschiedene Einflüsse und Begegnungen Inspiration schöpfe und neue Ideen entwickeln kann. Diese Eindrücke von außen sind zwar auch sehr oft unkonkret, regen aber sehr schnell zu vielen weiteren Ideen an. Ich war vor Kurzem bei den Wiener Festwochen und habe Mozarts „Requiem“ angehört – ohne vorher zu wissen, was mich erwarten wird. Da wurde mir bewusst, wie sehr ich das Gefühl vermisst habe, etwas auf mich einwirken zu lassen, das dann in mir weiterwirkt. Ich konnte danach kaum mit jemandem reden und musste sofort nach Hause und die vielen Eindrücke in mein Notizbuch schreiben. Solche Erlebnisse habe ich genauso bei Filmen im Kino, oder bei Begegnungen. Ich merke aber, dass ich neben diesem Hunger nach Eindrücken und Input auch das Bedürfnis nach Ruhe, Durchatmen und Auszeiten habe. Vor Corona bin ich oft nach Israel oder Island gefahren, jetzt bin ich stattdessen oft in den Bergen, meine Eltern haben dort eine Wohnung. 

Wann war deine Kunst der Stunde?

Das war ein längerer Prozess. Ich habe schon immer viel musiziert, meine Eltern haben mich darin sehr unterstützt, ich habe jedoch weder Dirigieren noch Gesang studiert. Zu erkennen, dass ich in diesen Dingen aber wirklich gut bin, für die ich andere lange bewundert habe, das hat länger gedauert. Am Ende haben mich viele in meinem Umfeld bereits als Musikerin bezeichnet, während ich selbst noch das Gefühl hatte, dass es nicht richtig sei, mich Dirigentin, Sängerin oder Musikerin zu nennen – obwohl ich Musik mache, seit ich fünf Jahre alt bin. Erst als vor zwei Jahren wegen Corona sämtliche Auftritte abgesagt wurden, ich für den Künstlerinnen Sozialversicherungsfond angesucht habe und diese Unterstützung auch bekommen habe, habe ich verstanden, dass Kunstschaffen, das ist, was mich ausmacht und ich auch dafür brenne.

Das Interview wurde im April 2022 von Katharina Augendopler mit Verena Giesinger am Karmelitermarkt in Wien geführt.