das Projekt

die Kunst der Stunde ist ein digitaler, unabhängiger Raum mit dem Ziel, Kunstschaffende in einstündigen Interviews zu porträtieren ohne sich dabei auf eine Kunstform zu beschränken. Von Literatur über Musikproduktion bis hin zur bildenden Kunst – die Kunst der Stunde setzt sich dabei keine Grenzen.

Der Fokus der Interviews liegt dabei auf die Kunstschaffenden selbst – mit der Intention, die Persönlichkeit und die eigenen Zugänge zur gewählten Kunstform ins Zentrum zu stellen. Die daraus entstanden Inhalte werden hier publiziert.

Die Kunstschaffenden kennen sich und ihren eigenen Wirkungsbereich am besten. Deshalb fotografieren sie (ab Interview 07) diesen und ihre Person mit Einwegkameras selbst.

Bei die Kunst der Stunde arbeiten, organisieren, diskutieren, gestalten und schreiben im Kollektiv: Katharina AugendoplerAndrea Eiber und David Samhaber.

Die Website ist von Andrea Eiber gestaltet und von Bene Reiter umgesetzt worden.

Bei Fragen / Wünsche / Anregungen:
diekunstderstunde@outlook.com oder
@diekunstderstunde

Impressum und Datenschutzerklärung

Dank geht raus an: alle Kunschaffenden die wir bereits interviewen durften, die Hochschüler*innenschaft der Kunstuniversität Linz, MOOI Design, Klaus und Angela Eiber, Thomas, Margot und Johanna Augendopler :–)

Raffaela Gras

»Was ist wirklich wichtig für unser Leben?« Raffaela Gras ist Choreographin, Tänzerin und Tanzpädagogin. Gerade probt sie ihr neues Stück Glitch Kitsch, eine Performance, die sich mit einer Welt zwischen Sicht- und Unsichtbarkeit, Realität und Fiktion, Fakt und Fake beschäftigt und am 18. Februar 2022 im Dschungel Wien Premiere feiert. Zwischen den Proben treffe ich sie zum Interview, wo wir über Glitch Kitsch, das Arbeiten im Künstlerinnenkollektiv, und über die teilweise schwierige Situation als freischaffende Künstlerin sprechen. Mitten in der Pandemie wird der Stellenwert der Kunst in Österreich weiterhin in Frage gestellt, doch viel mehr sollten wir uns fragen: »Was ist wirklich wichtig für unser Leben?«

Das Interview wurde im Dezember 2021 von Katharina Augendopler mit Raffaela Gras in Wien geführt.

Du bist gerade mitten in den Proben für dein neues Stück Glitch Kitsch, ein Stück für Menschen ab 12 Jahren, das aufgrund des Lockdowns im Dezember 2021 nun im Februar 2022 Premiere feiert. Wovon handelt das Stück?

Glitch Kitsch handelt von Dingen, die im Leben sichtbar und nicht sichtbar sind. Das war der Ausgangspunkt – ich habe dann nach Möglichkeiten gesucht, wie ich das verbildlichen kann – mit welchen Methoden oder Mitteln ich das umsetzen kann. Ein Bekannter hat mir schon vor Jahren vorgeschlagen mit Augmented Reality zu arbeiten und damit Unsichtbares sichtbar zu machen. Im Zuge dessen kam auch die Idee der Daten und der persönlichen Darstellung im Netz. »Wie präsentiert sich jemand im Internet? Was wird gezeigt, was ist sichtbar, was lässt man weg? Wie viele Profile werden erstellt? Was steht dabei im Vordergrund, was nicht?«

Was ist Augmented Reality?

Augmented Reality bedeutet erweiterte Realität. Das heißt, dass über Bildschirme, Tablet, Handy eine andere Ebene sichtbar gemacht wird – ähnlich wie Filter verschiedener Apps. Im Stück ist es so, dass der*die Zuseher*in an einer Stelle ein Tablet in der Hand hat. Wenn das Tablet auf eine bestimmte Position, einen Trigger gehalten wird, erscheinen unvorhersehbare Animationen. Das kommt aber nur im letzten Viertel des Stückes vor.

Bei Glitch Kitsch treten zwei Jugendliche gemeinsam mit einer professionellen Tänzerin auf. Wie war die Erarbeitungsphase mit den Jugendlichen zu diesem Thema?

Zuerst gehe ich mit einer Idee in den Probenprozess und probiere dabei Unterschiedliches aus.  Ich experimentiere mit verschiedenen Themen und Ansatzpunkten und biete ihnen Improvisationsstrukturen an. Das daraus Entstandene wird anschließend verändert und weiterentwickelt bis ein Stück entsteht. Die beiden jugendlichen Darstellerinnen sind elf und 14 Jahre alt und sind vertraut mit sozialen Medien und haben so auch ihr Wissen und ihre Social Media Erfahrungen eingebracht. Zu Beginn gab es eine Rechercheaufgabe: jede*r im Team, soll so viel es geht über die anderen im Internet herausfinden. Anschließend haben wir in der Gruppe darüber gesprochen, warum man was postet.

Du bist Teil vom kollektiv kunststoff, einem Performancekollektiv mit dem Sitz in Wien. Wie arbeitet ihr? Was sind die Vorteile kollektiver Arbeit?

Gemeinsam mit Stefanie Sternig, Waltraud Brauner und Christina Aksoy bin ich im kollektiv kunststoff. Wir erarbeiten seit zirka zehn Jahren gemeinsam Stücke für verschiedene Zielgruppen, jedes Mal in unterschiedlichen Konstellationen, von kleinen Projekten bis zu abendfüllenden Produktionen. Wir arbeiten auch gerne mit externen Gästen, z.B. mit Musiker*innen oder Künstler*innen, die Visuals machen. Wir haben uns alle im Studium »zeitgenössische Tanzpädagogik« an der MUK kennengelernt und machen seitdem meistens eine Produktion im Jahr.

2021 waren es zwei bis drei auch aufgrund von Corona bedingten Verschiebungen. Als Kollektiv kennen wir unsere künstlerischen Ausdrucksweisen nach all den Jahren sehr gut. Wir sind unterschiedlich in unserer Art und Weise, als Performerinnen, Choreographinnen, auch vom Charakter, was ich mit den Jahren immer mehr zu schätzen weiß, da es unsere Arbeit dadurch bereichert. Uns verbindet, das ewige Forschen an Dingen, sodass die Zeit kurz vor der Premiere oft knapp wird. Ein bisschen mehr Zeit wünschen wir uns dann immer (lacht).

Viele eurer Stücke wie Wann ist morgen (ab 6 Jahre) oder Plastik im Blut (ab 10 Jahre) sind für junges Publikum. Was ist für dich das Besondere, Produktionen für diese Zielgruppe zu machen?

Für mich ist es ein Ansporn, Inhalte auf eine abstrakte Weise mittels Bewegung und Tanz zu vermitteln. Mir macht es einfach irrsinnig große Freude Themen herzunehmen und anschließend zu dekonstruieren und abstrahieren. Die Möglichkeit, dass den Zuseher*innen bzw. den Kindern Interpretationsfreiraum in den Stücken ermöglicht wird, ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Kinder, mit ihrem wachen Blick sehen oft noch viel mehr darin als Erwachsene.

Die meisten Stücke werden auch für Schulgruppen mit zusätzlichen Vermittlungsworkshops angeboten und wenn es die Situation zulässt, laden wir junges Probepublikum ein oder machen während des Probenprozesses Workshops mit der Zielgruppe, sodass sie Teil der Entstehung werden. Ich habe das Gefühl ein breiteres junges Publikum zu erreichen und dass dadurch Menschen mit dieser Kunstform in Berührung kommen, die ansonsten wahrscheinlich nicht die Möglichkeit dazu hätten. Es ist ein intensiver, direkter Austausch mit einem jungen Publikum möglich, das gefällt mir sehr.

Was inspiriert dich?  

Mich inspirieren Theatermomente und Bühnenräume. Generell inspiriert es mich, Stücke anzusehen, und manchmal besonders, wenn ich in einem Stück bin, das mir nicht so gut gefällt. Dann bleibe ich an einem Detail hängen und tauche dann in eine andere Welt ein und entwickle meine eigenen Ideen.

Du warst von 2019-2021 im Vorstand von Assitej Austria – Junges Theater Österreich und setzt dich dabei für faire Arbeitsbedingungen in der Kunst ein. Was ist dir besonders wichtig?

Faire Arbeitsbedingungen beziehen sich nicht nur auf das Geld, aber leider hängt es sich oft darauf auf. Ist zu wenig Geld da, bekommen die Kunstschaffenden keinen guten Raum zum Proben oder können die Mitwirkenden nicht fair bezahlen. Darunter leidet natürlich auch die Qualität. Ein großer Aspekt ist fair pay, wo sich die Thematik in die richtige Richtung bewegen könnte. Faire Arbeitsbedingungen beziehen sich aber auch darauf, wie miteinander gearbeitet wird. Da habe ich das Gefühl, dass Arbeiten auf Augenhöhe in der freien Szene schon gut etabliert ist.

Wie siehst du den Stellenwert der Kunst in Österreich?

In den diversen Lockdowns in der Corona Pandemie wurde immer wieder diskutiert, wer bei einer Lockerung wieder öffnen darf. Dabei wurde meist über den Handel, die Gastronomie oder die Hotellerie gesprochen. Die Kunst wurde wesentlich seltener erwähnt. Und ich frage mich, warum die Kultur so hintenansteht. Das ist gerade einfach spürbar und wurde auch durch die Pandemie sichtbarer. Ich glaube wir müssen uns die Frage stellen »Was ist wirklich wichtig für unser Leben?« Klar, eine gut funktionierende Wirtschaft ist auch wichtig, aber es kann nicht alles sein.

Welchen Grund siehst du da dahinter?

Ich glaube, dass immer noch mit dem Gedanken gespielt wird Kunst und Kultur sei nur etwas für gewisse Gesellschaftsschichten. Das ist aber Kunst in viele Bereichen schon lange nicht mehr und sollte auch nicht so sein.

Du bist als freischaffende Künstlerin von Fördergeber*innen abhängig. Wie geht es dir damit Anträge zu schreiben und auf Zusagen zu warten? 

 Ich kenne es leider nicht anders (lacht). Irgendwie habe ich mich schon an dieses Auf und Ab gewöhnt. Manchmal ist das Vertrauen da, dass es eine Zusage wird. Aber der Druck ist schon groß, dass der Antrag gut sein muss. Dadurch, dass es sehr viele Kunstschaffende in Österreich gibt, muss ich das auch realistisch sehen und so kann es sein, dass es dann auch mal nicht funktioniert.

Wie und wann hast du angefangen zu tanzen?

Ich habe mit vier Jahren angefangen Ballett zu tanzen, danach habe ich Jahr für Jahr neue Stilrichtungen ausprobiert. Zu Beginn war ich wöchentlich tanzen und später hatte ich dann fast täglich Unterricht. Und das war einfach mein Ding. Einerseits hat mir das Tanzen immer schon Spaß gemacht und der Tanz war und ist nach wie vor meine liebste Art mich auszudrücken. Andererseits wurde ich stark von meiner Mama unterstützt. Sie hat meine Freude und mein Können bald erkannt und mich immer unterstützt. So durfte ich bereits in jungen Jahren an zahlreichen Projekten teilnehmen und konnte mich so weiterentwickeln. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. 

Da gibt es auch eine lustige Geschichte aus meiner Kindheit. Vor ein paar Jahren fand ich alte Videos, wo ich als Baby zu sehen war. Darin hört man meine Mama sagen »Und dann, wenn sie gehen kann, dann geht sie ins Ballett.« Als ich das Video gesehen habe, wurde mir klar, dass das Tanzen schon immer meine Bestimmung war (lacht). Ich fühlte mich aber nie dazu gezwungen und bin darin einfach total aufgegangen.

Wann war deine Kunst der Stunde?

Da gibt es viele Momente. Aber vor allem die Zeit nach meiner Matura war sehr prägend für mich. In dieser Zeit habe ich gerade auch die Kinder- und Jugendtanzausbildung abgeschlossen, die ich von 6–18 Jahren absolviert habe. Ich konnte es mir nicht vorstellen, nicht mehr zu tanzen und da wurde mir klar, dass ich das Tanzen zu meinem Beruf machen möchte. Oft sind es aber auch die »kleinen« Momente in den Probenprozessen oder bei Aufführungen – wenn auf einmal alles klappt und die Inhalte, die man transportieren möchte, auch beim Publikum ankommen. 

Interview wurde im Dezember 2021 von Katharina Augendopler mit Raffaela Gras in Wien geführt.