das Projekt

die Kunst der Stunde ist ein digitaler, unabhängiger Raum mit dem Ziel, Kunstschaffende in einstündigen Interviews zu porträtieren ohne sich dabei auf eine Kunstform zu beschränken. Von Literatur über Musikproduktion bis hin zur bildenden Kunst – die Kunst der Stunde setzt sich dabei keine Grenzen.

Der Fokus der Interviews liegt dabei auf die Kunstschaffenden selbst – mit der Intention, die Persönlichkeit und die eigenen Zugänge zur gewählten Kunstform ins Zentrum zu stellen. Die daraus entstanden Inhalte werden hier publiziert.

Die Kunstschaffenden kennen sich und ihren eigenen Wirkungsbereich am besten. Deshalb fotografieren sie (ab Interview 07) diesen und ihre Person mit Einwegkameras selbst.

Bei die Kunst der Stunde arbeiten, organisieren, diskutieren, gestalten und schreiben im Kollektiv: Katharina AugendoplerAndrea Eiber und David Samhaber.

Die Website ist von Andrea Eiber gestaltet und von Bene Reiter umgesetzt worden.

Bei Fragen / Wünsche / Anregungen:
diekunstderstunde@outlook.com oder
@diekunstderstunde

Impressum und Datenschutzerklärung

Dank geht raus an: alle Kunschaffenden die wir bereits interviewen durften, die Hochschüler*innenschaft der Kunstuniversität Linz, MOOI Design, Klaus und Angela Eiber, Thomas, Margot und Johanna Augendopler :–)

doppelfinger

Eine eindrucksvolle und facettenreiche Stimme mit feinen Gitarren- und Mundharmonikaklängen: Clemens Bäre aka doppelfinger öffnet mit seiner Musik angenehme, weiche, aber auch neue Atmosphären, bei denen man gerne länger hinhört. Dieser Stimmung wirkt er mit seinen Musikvideos gekonnt entgegen, denn mit Gegensätzen zu spielen und dadurch neue künstlerische Räume zu öffnen, findet er spannend. Seine Einflüsse aus dem Folk sind von langen Busfahrten, bei denen er meistens Bob Dylan hörte, geprägt. Im Interview spricht er mit uns über seine neueste Single knowingly, über das Wissen und Nicht-Wissen und warum ihn Shakira oder Pop-Artist x aus den 2000er Jahren musikalisch unbeeindruckt ließ.

Das Interview wurde im Juni 2021 von Katharina Augendopler und David Samhaber mit Clemens Bäre am Yppenplatz in Wien geführt.

Ein Glücksgriff! Ich bin jetzt schon Fan. Wann gibt es mehr Songs von dir auf Spotify?

Definiere mehr? Gerade vor kurzem ist meine neue Single knowingly erschienen. Aber für das Album müsst ihr euch noch ein wenig gedulden. Die Songs für das Album wurden bereits im Sommer aufgenommen. Mein Label hilft mir nun etwas mehr Struktur in das Publishing zu bringen. Oft bin ich mir nämlich nicht mehr ganz sicher bei Sachen, die ich vor einiger Zeit aufgenommen habe, da stecke ich dann nochmal Arbeit rein und verändere einiges. Aber um es kurz zu machen: im Winter erscheint mein Album und davor werden Singles veröffentlicht.

Also eine Perspektive ist bereits gegeben.

Ja die Perspektive ist schon das übernächste Album in meinem Kopf. Ich glaub so geht es den meisten, immer wieder one »step ahead« zu denken und auf der anderen Seite noch etwas fertig machen zu müssen. Da bin ich gerade mitten drinnen.

Deine erste Single Trouble ist im Oktober 2020 erschienen. Wann kam bei dir der Wunsch deine Songs auch zu veröffentlichen?

Früher habe ich Musik einfach für mich gemacht, mit dem Wunschgedanken mal live zu spielen und aufzutreten. Oft war ich zögerlich, einen Song fertig zu stellen und hab lange nichts fertig gemacht. Nun bin ich an einem Punkt angekommen, wo ich Songs auch fertig schreibe. Oft blicke ich nach einigen Monaten zurück und denke mir »I don’t know?!« (lacht). Für mich ist das immer noch schwer und ich kämpfe nach wie vor mit Unsicherheiten gegenüber meinen eigenen Dingen. Aber gleichzeitig wäre es wahrscheinlich schlechter, wenn ich zurückschaue und mir denke »Wow das war perfekt«, denn so würde sich auch nichts verändern bzw. ich mich nicht weiterentwickeln. Die Erwartungshaltung, dass es perfekt sein muss, ist für mich schwierig. Um den Nino aus Wien zu zitieren, »es geht ums Vollenden«.

Wann hast du entschieden, deine Musik weiter zu veröffentlichen und mit einem Label zusammenzuarbeiten?

Im Zuge vom Release meiner Single Trouble wurde das Label InkMusic auf mich aufmerksam. Davor hatte ich zwar schon Kontakt mit Labels, aber daraus hat sich nie was Konkretes ergeben. Mit InkMusic hatte ich von Anfang an ein gutes Gefühl – sie unterstützen mich, geben mir aber auch genügend Freiraum. Das hat sich einfach super ergeben und darüber bin ich echt froh. Auch bei der Albumproduktion supporten sie mich wo es geht, damit ich auch physisch etwas greifbar habe. Da bin ich dann wie ein kleiner Bub, der sich freut, nun endlich seine eigene Platte in den Händen zu halten.

Du bist ja selbst Gitarrist und schreibst auch deine Songs hauptsächlich auf der Gitarre. Wir hoffen auf viele Konzerte in nächster Zeit. Spielst du live mit einer Band oder anderen Musiker*innen?

Es gibt verschiedene Set-Ups. Ursprünglich war doppelfinger als Soloprojekt gedacht und in der Coronaphase habe ich versucht das auszubauen, hab dann bei einer Livesession mit einer Cellistin gespielt und als ich Support-Gig von Nino aus Wien war, habe ich mit Band gespielt. Es macht mir aber alles Spaß und es kommt auf den Anlass an. Ich komme auch gerne wieder zum Ursprung zurück und spiele in kleinen Lokalen Solo. Die verschiedenen Facetten, aber auch die Möglichkeit verschiedene Umgebungen bedienen zu können, finde ich spannend.

Die Videos zu deinen Songs öffnen aus unserer Sicht nochmal eine ganz neue Ebene zum Vergleich, wenn man nur den Song hört. Was wolltest du mit dem Video zu Trouble verstärken bzw. aussagen?

Mich reizt es, aus meiner Komfortzone rauszukommen, Sachen zu visualisieren die grauslig und schräg sind. So wie eben im Trouble Video, wo ich Performancekunst hinlege, denn normalerweise mach ich das nicht und bin eher introvertiert. Einerseits gibt’s schöne Elemente im Video, das schöne alte Hotel und die Fahrt dort rauf, kombiniert mit einer ganz drückenden Stimmung. Mit solchen Gegensätzen zu spielen, finde ich spannend.

Vor kurzem ist eine neue Single von dir erschienen. Kannst du uns darüber ein bisschen was erzählen?

Die neue Single heißt knowingly. Den Song habe ich »so nebenbei« geschrieben. Ich hatte es anfangs gar nicht geplant, dass knowingly auf das Album kommt. Ursprünglich ging es mir bei dem Song um die Diskrepanz zwischen: jede*r glaubt überzeugt davon zu sein, zu wissen was er*sie macht oder im Leben will – aber auf der anderen Seite weiß man eigentlich, dass man nichts weiß und muss sich das irgendwann mal eingestehen. Ich hab den Song schon einmal weggelegt, weil er mir nicht gefallen hat und vor einem Monat hat’s dann gepasst und ich hab gesagt »ok, das ist die nächste Single« (lacht). Wir haben weiter dran gearbeitet und ihn neu aufgenommen. Dadurch hat er für mich eine neue Ebene bekommen, weil er nun vernetzter mit meiner familiären Geschichte ist. Es geht primär ums Wissen und ums nicht Wissen. 

Wann war deine Kunst der Stunde, wann wusstest du, dass du Musik machen möchtest?

Mir wurde schon früh bewusst, dass ich mich über Musik einfach besser ausdrücken kann. Mit zwölf Jahren hatte ich meine Peak-Bob Dylan Phase, wo ich aus Frust beim Bus fahren immer Bob Dylan gehört habe. Da wurde mir klar, dass irgendjemand auf der Welt einen Song schreibt und ich höre den und fühle mich verstanden oder fühle auch wie es dieser Person geht, die den Song geschrieben hat. Das war der Ausgangspunkt meines Wunsches das auch machen zu können – der Aspekt, dass hinter dem Medium keine Maschinerie steckt, sondern eine Person, die über eigene Geschichten und Emotionen schreibt. Davor habe ich natürlich auch Sänger*innen wie Shakira gekannt (ich will jetzt nicht Shakira bashen), aber da kam für mich nichts rüber. Ich habe nicht gemerkt, was sie mit ihrer Musik aussagen möchte. Man kann eigentlich auch jede*n PopArtist x aus den 2000 Jahren einfügen (lacht).

Wie bist du überhaupt zur Musik gekommen? Was waren deine Anfänge?

Ziemlich klassisch – Blockflöte mit sieben Jahren in einer Volksschule in Oberösterreich. Laut meiner Mutter war ich ganz gut darin. In der Unterstufe habe ich mir damals ein »neues« Instrument aussuchen sollen und ich wollte schon immer Gitarre lernen. Meine Mutter meinte aber, dass ich wegen meines Talentes an der Blockflöte, Posaune lernen sollte. In Oberösterreich ist das eigentlich das Eintrittsticket in die Blasmusik, aber das wollte ich nie. Ich hatte zum Glück einen tollen Lehrer, der mir Jazzposaune beigebracht hat. Im Nachhinein ärgere ich mich schon ein wenig, weil ich damals schon wusste, dass ich Gitarre spielen möchte und nicht Posaune. Ja, da sind wir wieder beim Wissen und nicht Wissen.

Ich habe mir dann mit elf Jahren selbst das Gitarre spielen beigebracht und bin in das Bundes-Oberstufenrealgymnasium mit Musik-Zweig gegangen. So richtig hat es mir dort aber nicht gefallen, da ich das Gefühl hatte in eine Richtung gedrängt zu werden. In den Augen meines Lehrers war ich damals auch nicht wirklich gut auf der Gitarre, aber ich glaub auch deswegen, weil ich eben mein eigenes Ding machen wollte. Ich merke das auch bei Musiker*innen, die das Instrument z.B. studiert haben, die manche Stile super beherrschen, aber irgendwie der eigene Ausdruck fehlt. Deswegen war ich erpicht dagegen, groß Dinge zu lernen, die ich nicht lernen will. Im Grunde stehe ich dann zuhause selbst an und muss meinen eigenen Weg finden und nicht nach Lehrer x oder System x funktionieren.

Was wünscht du dir für die Zunkunft?

Mein Ziel ist es, finanziell unabhängig zu sein und von der Musik leben zu können. Ich versuche gerade meinen Brotjob mit der Musik zu kombinieren und das frustriert, weil ich dann überall Abstriche machen muss. Beim Brotjob und bei der Musik. Und ja ansonsten noch so viele komische Alben und Videos machen wie geht und so viel live spielen wie geht.

Interview wurde im Juni 2021 von Katharina Augendopler und David Samhaber mit Clemens Bäre am Yppenplatz in Wien geführt.